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Bruckner, Anton

Symphony No. 4

interpreter: Bayerisches Staatsorchester, Ltg. Kent Nagano
Publisher: Sony SACD 88697368812
category: CDs
published in: das Orchester 11/2009, Page 70


Ebenso wie bei seiner Einspielung der 3. Sinfonie von Anton Bruckner, damals noch mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, wählt Kent Nagano für seine Aufnahme der Vierten für diese hervorragend aufgenommene Einspielung die Urfassung. Die „Romantische“, die zu den beliebtesten und am häufigsten aufgeführten Sinfonien Bruckners gehört, ist zugleich ein prägnantes Beispiel für den teilweise durch wohlmeinende Freunde und Kollegen unterstützen Umarbeitungs- und Verbesserungswahn des Meisters.
Die von Nagano gewählte Original- oder Urfassung von 1874 wurde erst hundert Jahre nach ihrer Entstehung erstmals aufgeführt. Nach der Ersteinspielung durch Eliahu Inbal scheint inzwischen das Interesse an dieser Fassung angezogen zu haben, erschien doch parallel zur Nagano-Aufnahme auch die von Simone Young und den Hamburger Philharmonikern, die ebenfalls die Urfassung vorstellt. In den späteren Revisionen respektive Fassungen der Vierten hat Bruckner einschneidende Änderungen der Form und Instrumentation vorgenommen. Zudem komponierte er das Scherzo komplett neu und schuf damit einen der populärsten Sätze („Jagdscherzo“) seines Gesamtwerks. Neben dem Scherzo sind die Unterschiede zu den bekannteren Fassungen von 1778 (mit dem „Volksfest“-Finale) und der von 1881 – die Jahreszahl bezieht sich auf die Uraufführung – beim Finale am gravierendsten.
Nagano und sein in allen Instrumentengruppen ausgewogen-klangschön musizierendes Bayerisches Staatsorchester legen eine in der Konsequenz der Interpretationshaltung sehr überzeugende Bruckner-Sicht vor. Nagano wählt im Unterschied zu Simone Young, deren Orchester dramatisch gehärteter, gelegentlich fast rauh agiert, durchgängig breitere Tempi, wobei hier kritisch anzumerken wäre, dass diese erst für die späteren Fassungen von Bruckner vorgeschrieben wurden, der Dirigent sich hier also nicht an die Partiturvorgaben der Urfassung hält. Dennoch macht diese Tempowahl bei Nagano durchaus Sinn, gelingt es dem Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper doch, die Entwicklungen und Steigerungen der Musik spannungsvoll auszuformen. Vor dem Hintergrund, dass die Urfassung im Vergleich zu den späteren deutlich länger ist – gelegentlich drängt sich der Eindruck des Weitschweifigen auf –, ist dies eine nicht zu unterschätzende Leistung. Nagano verbindet dabei seinen an der Musik der Moderne – besonders der Einfluss von Olivier Messiaen sei dabei zu nennen – geschulten Klangfarbensinn mit einem analytischen Ansatz. Dass dieser nie unterkühlt wirkt, liegt zu guten Teilen am Bayerischen Staatsorchester, dessen runder, vielfach abgetönter Klang (hervorzuheben seien die weichen Hornsoli) die Qualität der Einspielung prägt. Nagano folgt dem Komponisten auch da, wo er die Form zu verlieren droht, kann dies aber durch die kompromisslose Ausformung des klanglichen Details mehr als wettmachen. Neben- und Hauptlinien der Partitur werden so hörbar gemacht, der weite dynamische Radius, den Nagano vom feinsten Pianissimo zu den mächtigen Fortissimo-Entladungen auszirkelt, die aber immer rund und weich klingen, prägt die empfehlenswerte Einspielung.
Walter Schneckenburger
 




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