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review


Neumahr, Uwe

Georg Friedrich Händel

Ein abenteuerliches Leben im Barock


Publisher: Piper, München 2009
category: Books
published in: das Orchester 07-08/2009, Page 63


Gesicherte Tatsachen sowie Fantasie, Fakten und Fiktion sind in diesem Buch eng verzahnt. Gut lesbar und kulturgeschichtlich ergiebig ist das dickleibige Werk von Uwe Neumahr, das nicht nur zahlreiche bekannte Personen einführt, sondern auch die Atmosphäre in der europäischen Musikwelt des 18. Jahrhunderts wachruft. Dazu spürt der Leser die persönliche Beziehung des Autors zum Musiker, indem Neumahr sich freimütig zu seiner Bewunderung für Händels von Brillanz und Tiefe geprägte, dabei so einfach klingende Melodien bekennt. Er unterstreicht dabei auch die Bedeutung von Händels „Heilmusik“ in der Musiktherapie und schildert ganz persönliche Erfahrungen: So ließ sich Neumahrs Tochter in ihren ersten Lebensmonaten erst beruhigen, wenn ihr die Mutter, eine ausgebildete Sopranistin, die Arie "As when the dove laments her love" aus "Acis and Galatea" vorsang.
Über den 1685 (im selben Jahr wie Johann Sebastian Bach) geborenen Komponisten, der vor 250 Jahren, am 14. April 1759, in London starb, hatte John Mainwaring bereits kurz nach dessen Tod eine Biografie verfasst, ohne seinen Protagonisten gekannt zu haben. Neumahr zitiert eingangs aus diesem Buch, hat auch sonst eifrig geforscht, aber über das Leben des unverheiratet gebliebenen Händel weiß man wenig, begnügt sich mit Mutmaßungen, zum Beispiel über seine unbewiesene Homosexualität. Der Autor der neuen Lebensgeschichte reichert deshalb den ihm vorliegenden „Torso des Faktischen“ fantasievoll an, indem er die gesicherten Tatsachen um romanhaft-spekulative Elemente ergänzt. Er entwirft ein farbiges Zeitpanorama, verwendet viel direkte Rede, erfundene Dialoge, die sich so ähnlich abgespielt haben könnten, erwähnt musikalische Vorbilder und Freundschaften (etwa zu Johann Mattheson) und lässt die relevanten Stationen von Händels Wirken Revue passieren: Hamburg, Italien mit Florenz, Rom, Neapel, Venedig, Hannover und schließlich London, wo George Frideric Handel 1719 künstlerischer Leiter der Royal Academy of Music wurde, für die er 14 Opern schrieb. 1727 wurde der Komponist englischer Staatsbürger und lebte 36 Jahre lang in dem von ihm 1723 erworbenen Haus in der Lower Brook Street 25, das erst 2001 als Musikermuseum – das erste in London! – eröffnet wurde.
Uwe Neumahr schildert anschaulich die Schauplätze und nennt die Daten der Uraufführungen von Opern und Oratorien, die der ehrgeizige Musiker in reicher Zahl schrieb. Der Autor vergißt weder die großherzigen Gönner noch den enormen Appetit von „Monsieur Endel“ zu erwähnen, der seine Riesenerfolge nicht erst in London, sondern schon zuvor in Rom verbuchen konnte, wo man den einstigen Domorganisten von Halle als umworbensten Komponisten feierte. Nachdem in England seine Opern verstärkt der Kritik unterzogen wurden, wandte sich Händel ab 1738 primär dem Oratorium zu. 1742 erlebte der "Messiah" in Dublin seine Uraufführung. In der „Poet’s Corner“ von Westminster Abbey fand der geniale Tonsetzer 1759 seine letzte Ruhe als einziger „Nicht-Dichter“. Pompös ist sein Epitaph von Roubiliac, vor dem sich die Touristenströme stauen.
Heide Seele




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