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Bruckner, AntonDie Sinfonieninterpreter: Württembergische Philharmonie Reutlingen, Ltg. Roberto PaternostroPublisher: Antes Edition SCH.3112, 11 CDs category: CDs published in: das Orchester 06/2008, Page 63 |
Am besten, man hört sich die zehn Sinfonien Anton Bruckners in der Reihenfolge an, wie sie die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter der Leitung von Roberto Paternostro nacheinander im Lauf von zehn Jahren in der Basilika zu Weingarten aufgeführt hatte. Es kommt wohl selten vor, dass ein Orchester es mit demselben Dirigenten schafft, in solch einem relativ langen Zeitraum solch ein bemerkenswertes Projekt zu Ende zu führen. Schade nur, dass die so genannte Studiensinfonie in f-Moll, die Bruckner 1863 als „Hausarbeit“ komponierte, nicht noch 2007 eingespielt wurde, um dann tatsächlich alle elf Sinfonien zusammen zu präsentieren.
Ohne jetzt eine komplette Schadensliste aufstellen zu wollen, muss erst einmal ehrlich erwähnt werden, dass diese Kollektion von den zehn Sinfonien und dem Te Deum schöne und unvergessene Momente enthält und auch die Unmittelbarkeit des Konzertmitschnitts eine wesentliche Rolle spielt. Weiterhin erlebt der beteiligte Zuhörer das Konzert anders, er kann eine verdächtig klingende Stelle mittels Fernbedienung eben nicht ans Ohr zurückholen. Keiner hat es in der Hand, ob das Horn bei einer empfindlichen Solostelle seinen Dienst versagt oder unangenehm tutet oder ob die naturgegebene Sturheit eines trocken gewordenen Oboenrohrs die Kantilene verhagelt. Jedoch einiges fällt auf bei dieser Dokumentation, das nicht im unvorhersehbaren Augenblick geboren wurde: Die Akustik in der Basilika zu Weingarten entpuppte sich für den Gehörgang als äußerst schwierig verdaulich und ist mit etwa fünf Sekunden Nachhall ziemlich grenzwertig. Nicht nur die für Bruckner typischen Übergänge verschwimmen da leicht zu einem Akustikbrei, besonders dann, wenn die Blechblasinstrumente beteiligt waren. Um dem abzuhelfen, sind die letzten Akkorde zeitweise leiser intoniert worden (in Nr. 5 und 7), was aber musikalisch eine Rücknahme der Phrase bedeutet.
Aufnahmetechnisch und von klanglicher Balance her war es von 1997 bis 2006 ein Weg hin zum Ausgeklügelteren. Die Sinfonien selbst wurden, was Interpretation und Qualität betrifft, sehr unterschiedlich zu Gehör gebracht. Gerade in Nr. 2 und Nr. 3 trat das Blech vielfach zu massig auf und knickte das filigrane Geäst der schnellen Sechzehntelnoten in den Violinen. Musikalisch blieben einige Fragen offen, was beispielsweise Schmelz, Würde, zupackender Biss, aber auch Pathos, innere Ruhe und der Wille, in großen Bögen zu denken, betrifft. Erst in Nr. 4 scheint der brucknerische Ton sich richtig zu entfachen, um dann in den folgenden Werken leider nur allzu selten wiederzukehren. Das Orchester „fühlte“ sich in manchen Sinfonien hörbar besser aufgehoben – dann wurde die Musik empfunden. Bei den nachfolgenden Sinfonien 7 und 5 schwankt die Qualität ebenso. Nr. 6 kommt in der Qualitätsrangfolge kurz vor der etwas schwächeren Nr. 8, aber ist nach Nr. 4 die am klarsten interpretierte Sinfonie. Ebenso reiht sich Nr. 1 musikalisch in die vordere Reihe, während bei der „Nullten“ sich Dirigent und Orchester unschlüssig zu sein scheinen, wohin der Weg führen soll. Im glänzenden Te Deum, das die Nr. 9 im Konzert ergänzte, klingt der gut intonierende Chor an manchen Tutti-Stellen im Sopran übermotiviert.
Werner Bodendorff
