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Brahms, Johannes

Klavierkonzert Nr. 3 D-Dur arr. von Dejan Lazic nach dem Violinkonzert op. 77/Rhapsodien op. 79, 1+2/Scherzo op. 4

interpreter: Dejan Lazic (Klavier), Atlanta Symphony Orchestra, Ltg. Robert Spano
Publisher: Channel Classics CCS SA 29410
category: CDs
published in: das Orchester 11/2010, Page 74


Johannes Brahms hat die Kraft der Inspiration zunächst einmal immer erst am Klavier gesucht, ehe er sich etwa an Details der Instrumentation machte. Mit dem Violinkonzert D-Dur op. 77 verfuhr er, wie man weiß, zumindest im Fall der Solopartie aber doch ein wenig anders, diese wuchs in regem Austausch mit dem Geiger und Freund Joseph Joachim und nach dessen Einschätzung violinistischer Bedürfnisse und Fähigkeiten heran.
Diese Tatsache hat den Pianisten Dejan Lazic allerdings nicht daran gehindert, doch nach dem eigentlich Klaviermäßigen in Brahms’ Violinkonzert zu suchen und von eigener Bearbeiterhand aus Solopartie und
Orchestersatz dem vorausgegangenen Konzert in d-Moll op. 15 und dem Konzert in B-Dur op. 83 noch ein drittes Klavierkonzert beizufügen, das Brahms so, hätte er nicht explizit ein Violinkonzert schreiben wollen, vielleicht im Sinn gehabt haben könnte. Lazics Klaviersatz nimmt die Partie der Solovioline selbstredend zur alleinigen Richtschnur des Adaptionsprozesses, und dies auch im Hinblick auf Brahms’ respektive Joachims Spielvorschriften ihrer Ausführung, doch sie ist nun einmal auf die Einstimmigkeit hin angelegt und solche klangliche Einschränkung wäre dem Klavier natürlich völlig unangemessen. So fügt Dejan Lazic deren Lineatur so manche harmoniefüllende Begleitstimmen und gedoppelte Instrumentalstimmen aus dem Orchestersatz, akkordische Auffüllungen wie arpeggierende Auflösungen von Intervallsprüngen, nachschlagende Oktavparallelen wie mitlaufende Terz- und Sextparallelen hinzu.
Er tut dies in unanfechtbarem, großem Respekt gegenüber Brahms’ originaler Textur und weiß sich mit Robert Spano und dem ihn empfindsam und mit klanglicher Wärme begleitenden Atlanta Symphony Orchest­ra einig in der Intention eines hoch differenziert gezeichneten Ausdrucksspektrums und einer schlüssigen Balance wie homogenen Einbindung in den Orchestersatz. Er agiert dabei nach außen hin recht zurückhaltend, schöpft demgegenüber aber nach innen gerichtet im Hinblick auf die Profilierung des musikalischen Charakters aus einem umso reicheren Fundus feinst abgestufter dynamischer Spannungswerte und sensibelster Anschlagsnuancierungen und vermeidet so in Tongebung und Gestus wohltuenderweise jedwedes brachiale Virtuosengetöse.
Man könnte diese klangliche Gestalt des D-Dur-Konzerts ohne Zweifel für einen echten Brahms halten, wäre da nicht der für einen Klaviersolopart doch recht schweifende Gedankenreichtum, der dem ursprünglichen Violinsolo nun einmal eigen ist und der in der unterschiedlich dicht gearbeiteten Adaption ein wenig von der einheitsstiftenden Verklammerung verliert.
Der in der Symphony Hall in Atlanta live mitgeschnittenen Einspielung angefügt und im niederländischen Eindhoven nachproduziert worden sind die beiden Brahms’schen Rhapsodien b-Moll und g-Moll op. 79 und das Scherzo es-Moll op. 4. Hier zeigt sich ein weiteres Mal die ausgeprägte künstlerische Persönlichkeit, die Dejan Lazic auszeichnet, in den Rhapsodien eine gleichsam erzählerisch modellierende Lesart in sensibel und feingeschliffen ausgesteuerter Klang- und Formgebung, im Scherzo eine ungemein detailfreudige, artikulations- und akzentscharfe Prägnanz.
Thomas Bopp




 

 

das Orchester – digital

 

 

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