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rezension
Britten, BenjaminWar RequiemInterpret: Annette Dasch (Sopran), James Taylor (Tenor), Christian Gerhaher (Bariton), Aurelius Sängerknaben Calw, Festivalensemble Stuttgart, Ltg. Hellmuth RillingVerlag/Label: Hänssler Classic CD 98.507, 2 SACDs Rubrik: CDs erschienen in: das Orchester 02/2009, Seite 63 |
„Alles was ein Dichter heute tun kann, ist warnen.“ Diese Worte des englischen Poeten Wilfred Owen, der im Ersten Weltkrieg fiel und dessen Verse Benjamin Britten in seinem epochalen War Requiem vertonte, haben auch heute noch ihre Gültigkeit – vielleicht mehr denn je in einer nach wie vor von Krieg und Ungerechtigkeit geprägten Welt. Auch für Hellmuth Rilling nimmt die Grundaussage eines der großen Bekenntniswerke der Musikgeschichte nach eigenen Worten eine hohe Bedeutung ein, weswegen er das War Requiem mit den jungen Musikern des Festivalensembles Stuttgart im Sommer 2007 in intensiver Probenarbeit einstudierte und am 9. September desselben Jahres beim Europäischen Musikfest Stuttgart zur Aufführung brachte. Der Mitschnitt dieses Konzerts liegt nun auf zwei SACDs vor.
Nach Benjamin Brittens eigener Aufnahme (Decca) – mit den für die Uraufführung vorgesehenen Gesangssolisten – hat es jede weitere Einspielung des War Requiems schwer, denn dem Komponisten ist es gelungen, sowohl das dem Werk innewohnende persönliche Engagement als auch die universale Grundaussage auf unvergleichlich packende und intensive Weise in Klang zu bannen. Rillings Deutung vermag vielleicht gerade deswegen vor diesem mächtigen Vorbild zu bestehen, weil er einen konsequent anderen Weg wählt. Statt auf emotionalen Überdruck zu setzen, meißelt er in erster Linie die kompositorischen Qualitäten der Partitur mustergültig heraus – die verschachtelte Struktur, das Zusammenspiel der verschiedenen Klangschichten, die Transparenz der motivischen Linien vor allem in den von den beiden männlichen Sängern getragenen Teilen.
Das Ergebnis ist eine Interpretation wie aus einem Guss – künstlerisch wie klanglich. Mir ist keine Einspielung des War Requiems bekannt, in der der Raumklang, die Wechselwirkung zwischen den drei verschiedenen Ebenen – Orchester und großer Chor, Knabenchor und Orgel sowie Tenor, Bariton und separates Kammerorchester – derart optimal realisiert ist. Dabei behält jede dieser Ebenen stets ihre eigene klangliche Physiognomie, und trotzdem vereinen sie sich zu einem zusammenhängenden Ganzen, ein Umstand, der Rillings souveräner Konzeption wohl ebenso geschuldet ist wie der hervorragenden Tontechnik, die für maximale Durchhörbarkeit sowohl des orchestralen Geflechts als auch der Chorpartien sorgt und dabei nichtsdestoweniger einen herrlich runden, warmen und leuchtenden Gesamtklang erzielt.
Beste Noten gibt es auch für die Chöre – sowohl für den des Festivalensembles Stuttgart als auch für die Aurelius Sängerknaben Calw – und die drei Solisten. Besonders hervorgehoben sei hier der Tenor James Taylor, der sehr behende agiert, ironisch-sakastische Pfeile, wo dies angebracht ist, ebenso zu versenden weiß wie er auch die humane Dimension der Texte glaubhaft transportiert. Sowohl Taylor als auch Christian Gerhaher entgehen klugerweise der Gefahr, sich in Gestus und Tonfärbung den Solisten der Uraufführung – Peter Pears und Dietrich Fischer-Dieskau – anzunähern.
Thomas Schulz
