rezension
Mendelssohn, Felix & FannyString QuartetsInterpret: Merel QuartetVerlag/Label: Genuin GEN 11204 Rubrik: CDs erschienen in: das Orchester 11/2011, Seite 79 |
Von Anfang an hat das im Jahr 2002 von den beiden Geigerinnen Mary Ellen Woodside und Meesun Hong, dem Bratscher Alexander Besa und dem Cellisten Rafael Rosenfeld gegründete, in Zürich ansässige Merel Quartet mit seinem „äußerst expressiven“ Spiel und dem „feinen Gespür für Form, Klang und Rhetorik“ (Neue Zürcher Zeitung) Zuhörer und Presse begeistern können. Heute, nach neun Jahren, gastiert das Merel Quartet bereits in allen renommierten Konzertsälen Europas und bei den wichtigsten internationalen Festivals auf dem Kontinent.
Und die jüngste CD-Einspielung des Ensembles mit Mendelssohns f-Moll-Quartett op. 80 sowie vier einzeln stehenden Streichquartettsätzen aus unterschiedlichen Entstehungszeiten und dem Streichquartett Es-Dur von Fanny Hensel ist geeignet, den herausragenden Ruf dieses Streichquartetts nur noch weiter zu untermauern. Von höchster Intensität durchdrungen, bis ins letzte Detail durchdacht, sensibel austariert in Gewichtung und Ausleuchtung der Stimmführung bekommt man den Kopfsatz des f-Moll-Quartetts zu hören, mit dem sich Felix den Schmerz über den unerwarteten Tod seiner Schwester Fanny von der Seele schrieb. Spieltechnisch auf allerhöchstem Niveau weiß das Quartett hier mit einer mitreißenden Emotionalität zu überzeugen. Die akzentuierte Impulsivität, die drängende Energie und der temperamentvolle Gestus finden dabei auf der anderen Seite ein Gegenüber in einem analytischen Feingeist, der Mittelstimmen und Außenstimmen mit höchster Sensibilität freilegt. Bei der Herangehensweise an das nachfolgende Allegro assai besticht die durchsichtige Gliederung des Phrasenbaus und die sinnfällige Ausdruckszeichnung, im Adagio der gut ausbalancierte Verlauf zwischen introvertierter Befindlichkeit und glühender Intensität. Immer genau auf den Punkt zu bringen vermag das Merel Quartet die Ausdruckswerte auch im Finalsatz. Selbst in der größten musikalischen Dichte weiß das Ensemble dabei das Gefüge doch immer noch transparent zu halten.
Mit überwältigender Klarheit und Stringenz geht das Merel Quartet auch an die nachgelassenen, unter der Opusnummer 81 posthum veröffentlichten vier Quartettsätze heran. Höchste Brillanz bei voller tonlicher Kontolliertheit sowie eine faszinierende Prägnanz der Satzarchitektur sind auch hier voller Bewunderung festzuhalten. In die Mitte der Abfolge hat das Merel Quartet Fanny Hensels 1834 komponiertes Es-Dur-Quartett gestellt. Der Bruder hat das formal recht frei gehaltene Werk, wie man den Briefen entnehmen kann, nicht völlig kritiklos akzeptiert, doch Hensel war selbstbewusst genug, auf ihrer ganz eigenen Sicht der Dinge zu beharren.
Dem langsamen Einleitungssatz verleiht das Merel Quartet viel tonliche Wärme, durchwirkt ihn mit breit gehaltenen, runden Phrasenbögen. Schlüssig in der Formulierung der Stimmlinien erweist sich das Allegretto, in der Romanze stoßen die Interpreten bei deren Entwicklungsverlauf bis in die Bereiche höchster dramatischer Intensität vor, wobei einmal mehr ihre schlanke und offene, farblich vielfältig variierende Tongebung besticht. Und im Finalsatz sieht man ein weiteres Mal die glückliche Paarung von überragender technischer Beherrschung und ungebremstem Elan und Ausdruckswillen bestätigt.
Thomas Bopp
